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14.11.2012

Sport
Wenn Fußball zum Hörspiel wird

Florian Reinecke kommentiert Spiele von Werder Bremen für blinde Stadion-Besucher

Auch Menschen mit Sehbehinderung zieht es aufgrund der Atmosphäre ins Stadion. Über Funk verfolgen sie das Spielgeschehen.

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Bremen/Ganderkesee Die Temperaturen liegen im tiefen einstelligen Bereich, feiner Sprühregen legt sich über die Zuschauer. Der beständig die Richtung wechselnde Wind sorgt dafür, dass auch die Zuschauer, die unter dem Dach im Stadionrund Platz genommen haben, in den Genuss des Bremer Schmuddelwetters kommen.

Gerhard Blomenkamp blickt in Richtung des Spielfeldes. Werder spielt gegen Mainz. Wenn man ihn fragen würde, warum er sich bei Wind und Wetter im Bremer Weserstadion eingefunden hat, würde die Antwort wohl – frei nach dem Bochumer Kabarettisten Frank Goosen – so simpel wie einleuchtend sein: „Weil Samstag ist“. Zu fast jedem Heimspiel zieht es ihn aus Löhne in der Nähe von Bielefeld nordwärts an die Weser. So weit, so gewöhnlich.

Doch Gerhard Blomenkamp ist blind. Wo die meisten anderen Zuschauer in der 11. Minute das 1:0 für Werder Bremen durch Aaron Hunt sehen, sieht Blomenkamp nur Dunkelheit. Vor fünf Jahren hat der am Grünen Star – einer unheilbaren Erkrankung des Sehnervs – erkrankte 61-Jährige sein Augenlicht vollständig eingebüßt. Dass es ihn dennoch Woche für Woche ins Stadion zieht, mag manchem merkwürdig erscheinen. Insbesondere, wenn Blomenkamp mit ihm nach dem Spiel selbiges haarklein analysiert, die kniffligen Spielsituationen Revue passieren lässt.

Auge für die Blinden

Die Erklärung hierfür sitzt schräg in der Sitzreihe vor Gerhard Blomenkamp und heißt Florian Reinecke. Der 33-jährige Sportreporter hat einen wichtigen Auftrag bei jedem Heimspiel. Er ist das Auge für Zuschauer wie Gerhard Blomenkamp, die blind sind oder unter einer Sehbehinderung leiden. Seit vier Jahren begleitet Florian Reinecke als Blindenkommentator die Spiele von Werder Bremen, egal ob in der Liga, im DFB-Pokal oder in europäischen Wettbewerben. Ausgerüstet mit Spielunterlagen, Stift und Mikrofon ist es Reineckes Aufgabe, die folgenden 90 Minuten für seine Zuhörer so zu kommentieren, dass diese möglichst viel vom Spielverlauf mitbekommen. Bis zu zehn Hörer hat er dabei, die über Funk seinen Kommentar empfangen.

So auch an diesem Spieltag. Reineckes Arbeit beginnt mit dem Einlaufen der Mannschaften. „Vorher macht das keinen Sinn, die Fans wollen ja die Hymne mitsingen“, so Reinecke. Schließlich ist es ja vor allem die Atmosphäre, die Geräusche und Gesänge von den Tribünen, die die Fans – unabhängig ob blind oder nicht – ins Stadion locken.

Dann der Anpfiff. Reinecke legt los und nimmt Fahrt auf. Zumindest fast. „Florian, du musst mal lauter reden“, sagt Gerhard Blomenkamp, während er dem vor ihm sitzenden Kommentator leicht auf die Schulter klopft. Wie das möglich ist? Im Gegensatz zu seinen Kollegen hat Reinecke nicht in einer gemütlichen Kommentatorenkabine auf der Gegengerade Platz genommen, er sitzt mitten zwischen den Fans, seinen Hörern.

Mit allen Vor- und Nachteilen. „Wenn sich jemand vor mir hinstellt, muss ich aufstehen, um dem Spiel weiter folgen zu können“, erklärt Reinecke die Tücken seines Sitzplatzes. Eintauschen möchte er ihn dennoch nicht. „Für mich ist es wichtig, auch Kontakt zu meinen Hörern zu haben, ihre Meinung einzuholen“, berichtet der 33-jährige Kommentator. Zehn Plätze im Stadion hat Werder Bremen für Menschen mit Sehbehinderung vorgesehen, jeder von ihnen darf zudem eine Begleitperson mitbringen. Viele von ihnen kennt Florian Reinecke inzwischen persönlich.

90 Minuten Leistung

Mittlerweile hat das Spiel auf dem Rasen an Fahrt aufgenommen. Hoch konzentriert blickt Florian Reinecke aufs Spielfeld, seine Stimmbänder sind im Dauereinsatz. Jeder Spielzug findet Erwähnung, kein Ballverlust, keine Spielverlagerung lässt er unkommentiert. Es ist Schwerstarbeit, die der 33-Jährige für zweimal 45 Minuten an jedem zweiten Wochenende verrichtet.

Eine Arbeit, die sich aufs Wesentliche beschränkt: das Spielgeschehen. Absonderliche Statistiken oder vermeintlich launige Anekdoten über die Frühstücksgewohnheiten von Philipp Lahm oder das Wahlverhalten der Eltern von Mario Götze gibt es – anders als im Fernsehen – für Florian Reineckes Zuhörer nicht zu hören. „Für aufwendige Statistiken habe ich gar keine Zeit“, so Reinecke. Schließlich gehe es den Zuhörern ums Spiel. Und er ist ihr Auge.

Dann kommt die elfte Minute. Petersen bedient Hunt im Rückraum, der mit einem strammen Rechtsschuss ins Eck dem Mainzer Torwart keine Abwehrmöglichkeit lässt. 1:0 für Werder Bremen. Reinecke ist aufgesprungen, jubelt, klatscht sich ab. Wer hier die von Sportkommentatoren leidlich zur Schau gestellte Neutralität erwartet, muss sich eines Besseren belehren lassen. „Florian ist ein Bremer“, freut sich Gerhard Blomenkamp, auch ihn hält mittlerweile nichts mehr auf seiner Sitzschale.

Mit Vollblut dabei

Für Blomenkamp ist es alles andere als ärgerlich, wenn aus Reinecke manchmal eben auch der Fan spricht. „Er ist eben mit Vollblut dabei“, so Blomenkamp, der in Reineckes Emotionalität Parallelen zu Reporterlegende Manni Breuckmann erkennt. Schließlich wurden Breuckmann bei Spielen mit Beteiligung von Mannschaften aus dem Ruhrgebiet gewisse Sympathien für eben diese Mannschaften nachgesagt.

Dennoch: Einseitige Schönfärberei ist von Florian Reinecke nicht zu erwarten. Dass Mainz in diesem Spiel dem Sieg teilweise näher ist als die Bremer Mannschaft verschweigt der Kommentator seinen Zuhörern nicht. „Die Leute wollen nach der Partie schließlich mit den anderen Zuschauern über das Spiel diskutieren können“, erklärt Reinecke, „da wäre es wenig hilfreich, wenn ich sie nur mit schöngefärbten Informationen versorgt hätte.“

„Sechser im Lotto“

Dass am Ende dennoch mehr Grund zum Jubeln als zur Kritik besteht, liegt am zweiten Tor durch Aaron Hunt, das schließlich einen 2:1-Heimsieg von Werder beschließt. Grund zur Freude hat Gerhard Blomenkamp nicht nur aufgrund des Resultats. „Florian ist für mich wie ein Sechser im Lotto“, lobt er seinen Sitznachbarn von schräg vorne. „Ich kann mir die Spielsituationen durch seinen Kommentar richtig vorstellen.“

Auch Erich Strodthoff aus Ganderkesee lobt die Art der Berichterstattung. „Ich kann auf diese Weise dem Spielverlauf gut folgen“, berichtet der 71-Jährige, „nach Spielschluss weiß ich oft besser Bescheid als meine mich begleitende Frau.“ Gelebte Inklusion auf der Tribüne. Bevor Reinecke zu Beginn der Saison 2008/09 als Kommentator in Bremen tätig wurde, waren es oftmals die Begleiter der blinden Zuschauer, die für diese das Geschehen auf dem Rasen kommentieren mussten. „Aber die wollten das Spiel ja schließlich auch sehen“, schildert Blomenkamp.

Doch das ist ja bekanntlich Geschichte. In zwei Wochen wird Gerhard Blomenkamp wieder nach Bremen fahren, „weil Samstag ist“. Trotz Blindheit – seine Leidenschaft für Fußball hält an. Seinem Sitznachbarn von schräg vorne sei Dank.

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Martin Thaler

Volontär
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Fax: 0441 9988 2009

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