Post Thumbnail 3182

Fußballspiele für Blinde verständlich machen

von Katja Görg

Jahr: 2009, Woche: 46

Sportjournalismus-Student Christian arbeitet ehrenamtlich in der Allianz Arena. Er kommentiert Fußballspiele für Menschen, die ihr Augenlicht, aber nicht ihre Liebe zum rundem Leder, verloren haben.

Ein Raunen geht durch die Nordkurve der Allianz Arena. Pfiffe, Schreie – die Fans des TSV 1860 München sind entrüstet. Aber einer bleibt ganz ruhig. Christian Staab. “Foul auf Höhe der Strafraumgrenze. Zambrano grätschte Aigner von hinten um”, berichtet der junge Mann aus Fürstenfeldbruck. Der Student sitzt auf der Haupttribüne des Stadions und spricht mit lauter Stimme in ein kleines Headset-Mikrofon. Christians Hörer sitzen ebenfalls im Stadion. Über Kopfhörer sind sie mit dem Reporter verbunden. Das Spiel würden sie ohne seine Hilfe nicht verfolgen können: Christian kommentiert ehrenamtlich Fußballspiele für Blinde.


Der Reporter gerät kaum ins Stocken und verhaspelt sich nur selten. “Das war aber nicht immer so”, sagt Christian, lacht und fügt hinzu: “Am Anfang war ich total nervös.” Christian studiert Sportjournalismus. Vor einem Jahr traten Verantwortliche von 1860 an den Lehrstuhl seiner Uni heran und baten um ehrenamtliche Helfer, die Spiele für Blinde kommentieren. Christian meldete sich sofort. “Ich will Sportreporter werden. Das ist ein super Training”, sagt er. Im Studium hatte er bereits praktische Übungen zur Sportreportage gemacht und außerdem fürs Studentenradio moderiert. Das erste Spiel in der Allianz Arena war dennoch eine Herausforderung für ihn: “Klar habe ich vorher schon Beiträge fürs Radio gemacht. Aber eine Live-Sportreportage noch nie – und schon gar nicht für Blinde.”


Anders als gewöhnliche Hörer sitzen die blinden Fans im Stadion. Der Reporter soll für sie das Spiel dolmetschen und genau erklären, was auf dem Platz passiert. Deshalb versucht Christian, so viele Ortsangaben wie möglich in seine Reportage einzubauen: “Er schießt mit dem linken Fuß aus halblinker Position, zehn Meter hinter der Mittellinie.” Für den Fußball-Fan mögen diese Details überflüssig sein, für Blinde sind sie wichtig. “Das macht alles greifbarer”, sagt Christian.


Bis er die Fußballsprache beherrschte, musste er üben: Immer wieder moderierte er Fußballspiele zu Hause vor dem Fernseher – bei ausgeschaltetem Ton. Aber zu Hause ist nicht im Stadion. Das denken sich auch blinde Fußballfans: Sie wollen das Spiel verfolgen und dabei die Atmosphäre in der Arena genießen. Christian muss ihnen deshalb auch beschreiben, was an der Seitenlinie passiert, ob der Trainer sich aufregt und welche Plakate im Stadion zu sehen sind.


Beim Pokalspiel kürzlich zwischen 1860 und Schalke sind kreative Plakate rar. Dafür berichtet Christian umso mehr vom Geschehen auf dem Feld: “Die Schalker haben schon gejubelt, aber kein Tor, abseits”, sagt Christian, stöpselt sein Mikro ab und gibt es weiter an Simon, ebenfalls Blindenkommentator. Die beiden wechseln sich alle zehn Minuten ab.


Während Simon spricht, greift Christian zu den Lutschbonbons vor ihm und schiebt sich eines in den Mund. “Gegen die Heiserkeit”, nuschelt er und reibt wärmend seine Hände aneinander. Im Stadion ist es kalt. Christian ist in einen dicken Anorak gehüllt, trägt eine Wollmütze und hat sich Nasenspray bereitgestellt – damit die blinden Fans keinen verschnupften Reporter zu hören bekommen.


Von seinem Platz im Presseblock aus erkennt Christian problemlos die Rückennummern der Spieler. Den passenden Namen zu jeder Nummer findet er auf der Spielerliste vor ihm. Auf diese ist er nur beim gegnerischen Team angewiesen; die Löwen-Spieler kennt er auswendig. Kein einziges Spiel des TSV hat Christian in dieser Saison verpasst – und das, obwohl er Bayernfan ist.


Wenn Bayern spielt und Christian nicht selbst kommentiert, hört er sich die Bundesligakonferenz im Radio an. Von diesen Reportern lernt er vieles – wie sie ihre Stimme benutzen, um Spannung und Bilder zu erzeugen. Ihre Fehler will Christian vermeiden: Manche seien ihm zu sachlich, manche zu parteiisch.


Anders als seine Kollegen vom Rundfunk arbeitet Christian als Blindenkommentator ehrenamtlich. Wer kein Geld für die Arbeit bekommt, muss sich anders motivieren. Christian tut das, indem er den Job als berufliche Chance sieht. Mehr noch hilft ihm das Gefühl, gebraucht zu werden: “Ohne uns Reporter könnten die Blinden nicht ins Stadion gehen – oder sie müssten sich das Spiel von Bekannten beschreiben lassen”, sagt Christian. Dann erzählt er von einem blinden Fan, der kein Löwen-Spiel auslässt und neulich zu den Reportern gekommen ist. “Er hat gesagt, dass er super findet, wie wir kommentieren. Das macht einen stolz.”


 

Teilen

Hinterlasse eine Antwort