Fußball-Reportagen für Blinde Toooor in Hamburg!

Sie sehen wenig bis nichts vom Spiel und können trotzdem mitreden: Sehbehinderte Stadionbesucher finden in Hamburg perfekten Service. Denn Sportstudenten kommentieren für sie live die HSV-Spiele und lernen dabei die Kunst der Hörfunkreportage.

Nah an den Hörern: Dozent Trede (vorn) und die Reporter beim Spiel gegen Bremen
Steffen Hudemann

Nah an den Hörern: Dozent Trede (vorn) und die Reporter beim Spiel gegen Bremen

Langsam macht sich Unruhe breit auf der Tribüne. Die erste Halbzeit geht ihrem Ende entgegen, der Hamburger SV liegt gegen Werder Bremen 0:1 hinten, schon wieder ist ein viel versprechender Angriff des HSV nach einem Fehlpass in der Abwehr der Bremer hängen geblieben. "Mannomann", schallt es aus dem Block 3c der AOL-Arena, "hau das Ding doch rein. Ein Scheißspiel ist das heute wieder."

Solche Zwischenrufe sind nicht weiter ungewöhnlich. In deutschen Büros gibt es noch Tage nach einem Bundesligaspieltag hitzige Debatten, ob der Schiedsrichter den Elfer hätte geben müssen und welche Niete von Stürmer besser ausgewechselt worden wäre. Aber: Die 15 Fans im Block 3c sehen wenig oder gar nichts davon, was unten auf dem grünen Rasen passiert. Denn sie sind teils blind, teils schwer sehbehindert. Dass sie trotzdem alles mitbekommen, verdanken sie Studenten der Uni Hamburg, die das Geschehen für sie kommentieren.

An diesem Samstag sitzen die Sportstudenten Danny Fritz und Florian Grove hinter dem Mikro. Anders als die Profi-Kollegen vom Radio haben sie keine komfortable Sprecherkabine, sondern hocken neben ihren Hörern auf der Tribüne. Auf einem schmalen Pult liegt ein Bogen mit den Aufstellungen beider Teams und zusätzlichen Informationen zu jedem Spieler. Der Kommentar der Reporter wird über einen Infrarotsender auf die Kopfhörer der Sehbehinderten übertragen.


Die Studenten nutzen die Vorteile der Nähe zu den Hörern. "Scheißspiel, höre ich hinter mir", greift Danny Fritz den Ausruf des Fans auf, "dem kann ich mich anschließen. Das Niveau des Spiels ist tatsächlich nicht sehr hoch." Dozent Broder-Jürgen Trede, der die Reportage seiner Studenten mit kritischem Blick verfolgt, nickt anerkennend: "Sehr gut. Das war eine schöne Idee, darauf einzugehen."

Manchmal nur ein Platz als Einwechselreporter

Vor zwei Jahren hat der wissenschaftliche Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sportjournalistik das Seminar "Live-Reportage für Sehbehinderte" ins Leben gerufen. Der HSV hatte, wie auch andere Bundesligaklubs, gerade erst bemerkt, dass Blinde schon seit Jahren ins Fußballstadion gehen. Sie genießen die Atmosphäre, manche können trotz des Lärms im Stadion sogar hören, was auf dem Feld passiert.

In Leverkusen entstanden die ersten Plätze, die speziell für Sehbehinderte mit Kopfhörern ausgerüstet waren. Inzwischen gibt es ähnliche Angebote auch in Wolfsburg, auf Schalke oder beim FC St. Pauli. Allerdings greifen dort meist Fans oder Jugendtrainer ohne spezielle Ausbildung zum Mikrofon.

Quelle: Trede/ Universität Hamburg

Zum Seminar der Hamburger Studenten gehört dagegen nicht nur der Einsatz im Stadion, sondern auch ein theoretischer Teil im Seminarraum. Alle zwei Wochen diskutieren die rund 20 Teilnehmer über gute und misslungene Sprachbilder, ziehen Bilanz des letzten Wochenendes und üben die Kunst der Radioreportage an Videoaufzeichnungen alter Spiele - "unter Laborbedingungen", wie Trede es nennt. Am Spieltag dürfen dann zwei bis drei Reporter ins Stadion.

Zweimal 45 Minuten am Stück live kommentieren, wenn auch im Wechsel mit den Kommilitonen, das ist eine Herausforderung. Sind die Hemmungen einmal überwunden, wollen die Studenten sofort wieder ins Stadion. Aber die Reporterplätze auf der Haupttribüne sind begrenzt. Und so kommt Trede sich bisweilen wie ein Fußballtrainer vor, der seinen Spielern erklären muss, warum sie nicht in der Startelf stehen. "Es fällt manchmal schwer zu sagen: Du musst dieses Wochenende noch einmal zuhause bleiben."

Die Lust am Radiomachen wächst

Viele Hörer erkennen die Studenten schon an der Stimme und freuen sich über ihre ganz persönlichen Reporter. "Wir wollen den Blinden die Möglichkeit bieten, am Montag bei der Arbeit mit sehenden Kollegen über das Spiel zu diskutieren", sagt Dozent Trede, "gleichzeitig bilden wir Studenten für die Praxis aus." Die Seminarteilnehmer lernen Grundlagen der Fußball-Hörfunkreportage: immer auf Ballhöhe sein, im richtigen Moment Bewertungen und Einschätzungen liefern, die Wirklichkeit so genau wie möglich abbilden. "Wenn ein Raunen durchs Stadion geht, wollen die Leute wissen, was los ist", sagt Broder-Jürgen Trede.

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Zu Beginn war auch er unsicher, wie er mit der Behinderung der Hörer umgehen sollte. Doch so sehr unterscheide sich die Fußball-Reportage für Blinde gar nicht von der samstäglichen Konferenzschaltung im Radio, sagt Trede. Die meisten sehbehinderten Fans haben schon einmal auf einem Fußballplatz gestanden. Sie haben eine Vorstellung davon, wie ein Tor aussieht und wissen, wie groß das Feld ist. Wendungen wie "schön anzusehen" sollte der Reporter allerdings vermeiden. "Auch mit Farben können die meisten Sehbehinderten nichts anfangen", sagt Broder-Jürgen Trede. Dass der Ausruf "blinder Schiri" tabu ist, versteht sich von selbst.

Siegtreffer gegen den HSV: Bremens Stürmer Ivan Klasnic
DDP

Siegtreffer gegen den HSV: Bremens Stürmer Ivan Klasnic

Für viele der Studenten ist die Radio-Reportage längst mehr als ein Hobby. "Die Lust am Radiomachen ist gewachsen", sagt Danny Fritz. "Eine bessere Übung als das Seminar kann es gar nicht geben." Zwei Teilnehmer haben sich mit ihren Reportagen schon erfolgreich um ein Praktikum beim NDR-Hörfunk beworben. Zudem hat sich die Arbeit der Reporter über die Grenzen der Hansestadt hinaus herumgesprochen. Im letzten November reisten die Studenten auf Einladung des DFB nach Leipzig und kommentierten das Länderspiel gegen Kamerun für sehbehinderte Athleten des deutschen Paralympics-Teams. Und auch für die Hamburger Spiele der WM 2006 haben sich Broder-Jürgen Trede und seine Studenten bereits beworben.

Das Bundesligaspiel gegen Bremen ist vorbei. Zwar hat der HSV noch einmal ausgleichen können, doch am Ende siegt Werder 2:1. Die Studenten haben offenbar bessere Arbeit geleistet als die Spieler des HSV. Die sehbehinderten Fans können jedenfalls mitreden. "Wenn man ehrlich ist", sagt einer, "muss man zugeben, dass Bremen verdient gewonnen hat."




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  • Datum: Mittwoch 20.04.2005 | 10:07 Uhr
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